Den längsten Tag des Jahres in der Natur beginnen | Grüne Brockenwanderung

Zur Sommersonnenwende trafen sich Thüringer Grüne am ganz frühen Morgen um 2 Uhr in Nordhausen, um gemeinsam den Sonnenaufgang auf dem Brocken zu erleben. Wie verabredet trafen sie am Wandertreffpunkt auf einem Parkplatz an der B4 zwischen Torfhaus und Oderbrück auf weitere Thüringer*innen und Wanderfreund*innen aus Niedersachsen. Um 3 Uhr. Befeuert von Ausschnitten aus Heinrich Heines „Harzreise“, vorgetragen von Landessprecher Bernhard Stengele:

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
Weiße, höfliche Manschetten,
Sanfte Reden, Embrassieren –
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

Herzen in der Brust, und Liebe,
Warme Liebe in dem Herzen –
Ach, mich tötet ihr Gesinge
Von erlognen Liebesschmerzen.

Auf den Brocken will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Brocken will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle!
Glatte Herren, glatte Frauen!
Auf die Brocken will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.

Los geht’s

In sternenklarer Dunkelheit der Neumondnacht begann der 7 Kilometer lange Aufstieg zum Gipfel des höchsten Berges in Sachsen-Anhalt, der seine großartige Verewigung in der Walpurgisnacht von Goethe fand. Zuerst war es schon etwas anstrengend, aber von einem weiteren sehr nachdenklichen Text von Herrmann Hesse unterbrochen verflog die Müdigkeit zusehends bei allen Beteiligten und der Geist klärte sich:

Unterwegs
Und da ich über Wolken hoch am Berg

In leichten Lüften schritt und stieg,
Tat sich das Reich der Toten vor mir auf:
Von tausend fernen Ahnen ein Gewölk,
Ein Flimmerblitz unzähliger Geister.
Und wunderlich ergriff mich die Erkenntnis,
Daß ich kein Einzelner, kein Fremder bin,
Daß meine Seele, meiner Augen Blick,
Mein Mund und Ohr und meiner Schritte Takt
Nicht neu und nicht mein Eigen sind,
Auch nicht mein Wille, der mir Herr erschien.
Ein Strahl bin ich des Lichts, ein Blatt am Baum
Unzähliger Geschlechter, deren frühe Völker
In Wäldern lebten und auf Wanderung,
Und andrer, die von Krieg zu Krieg getobt,
Und wieder andrer, deren Wohnungen
Von Edelholz und Gold und Schmuck gebaut
In schönen Städten wundersam erglänzten.
Von ihnen her bis auf den stillen Blick,
Den meine Mutter hatte, die mir starb,
Ist alles nur ein unentrinnbar sichrer Weg
Zu mir gewesen, und derselbe Weg
Führt von mir weg in uferlose Zeiten
Zu Menschen, deren ferner Ahn ich bin
Und deren Leben meines in sich schließt.
Und da ich über Wolken hoch am Berg
In leichten Lüften schritt, ward mir mein Leben,
Mein schauend Auge und mein schlagend Herz
Ein köstlich Lehen, das ich dankbar trug,
Doch dessen Wert und Schönheit mir nicht eignet
Und darum nicht vergeht.
Und leise flog
Die kühle Höhenluft mir um die Stirn.

Der Wanderung Lohn

Der Tag brach an in zögernd bläulichem Grau. Dann um 4.36 der Lohn: Der Genuss des Sonnenaufgangs nach der kürzesten Nacht des Jahres. Erstaunlich kalt blies der Wind um den Bahnhof und die verschiedenen Gedenksteine. Und nach einer kurzen Rast machte die Gruppe sich wieder auf den Weg.

Wandern im Wald

Was sich bei zunehmender Helligkeit zeigte, war der Zustand des Waldes. Um ihn steht es nicht gut: Jahre mit zu wenig Wasser, dazu Umweltbelastungen und immer mehr Schädlinge haben ihm zugesetzt. Mit jedem einzelnen dieser Probleme weiß die Natur wohl umzugehen, in Kombination aber und auf Dauer leider nicht. Diese Wanderung durch vertrocknende Sümpfe und große Fläche von Bruchholz war ein weiterer Anstoß, unsere Arbeit zum Schutz des Waldes, zum Schutz der Tiere und Pflanzen, die in ihm wohnen, fortzuführen und noch stärker nach Außen zu tragen.

Nordhäuser Tradition, die wächst

Die Idee zur Wanderung hatten Bündnisgrüne aus dem Kreisverband Nordhausen um Rüdiger Neitzke und Sylvia Spehr, für die das Erklimmen des Brockens an diesem Tag fast schon zu einer Art Tradition geworden ist. In diesem Jahr aber war die Runde größer. Und dieses Anwachsen, die Verbindung der drei Bundesländer kann Tradition werden.

Abgerundet wurde die Tour von einem gemeinsamen Picknick mit Gesprächen und einem Text von Konstantin Wecker, der programatisch und poetisch zugleich das Erlebte zusammenfasste

Gefrorenes Licht
Wenn durch den Dom von sommergrünen Bäumen
die Lichter wie ein Segen niedergeh´n
und als Kristalle in den Zwischenräumen
von Laub und Ast und Himmel steh´n,
da ahnst du, dass, was scheinbar fest gefügt
und uns sich als die Wirklichkeit erschließt,
nichts als ein Bild ist, das sich selbst genügt,
durch das verträumt ein großer Atem fließt.
Du magst es greifen, du begreifst es nicht.
Was du auch siehst, ist nur gefror´nes Licht.
Wenn sich in solchen selt´nen Stunden
des Daseins Schönheit leise offenbart,
weil sich – sonst nie so leicht verbunden –
das Ahnen mit Erleben paart,
dann zög´re nicht, dich zu verwandeln,
nimm diese Stunde tief in dich hinein.
So aus der Zeit erübrigt sich das Handeln,
und in der Leere offenbart sich erst dein Sein.
Du magst es greifen, du begreifst es nicht.
Was du auch siehst, ist nur gefror´nes Licht.
Das was du siehst, ist nur gefror´nes Licht.

Tour verpasst? Keine Sorge

Wer die Tour verpasst hat, muss sich nicht lange ärgern. Auch 2021 wird es wieder den Tag der Sommensonnenwende geben. Dann ist der Sonnenaufgang zwar an einem Montagmorgen, aber wo ein Wille, da ein (Wander)Weg…

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